Jungbrunnen - Warmbad Villach

Das Warmbad Villach ist das älteste Heilbad in Kärnten. Sein mineralreiches und leicht radioaktiviertes Warmwasser stammt aus dem Inneren der Villacher Alpe, besser bekannt unter dem Namen Dobratsch. Die Anhöhen rund um das heutige Villach waren von Illyrern und danach von den Kelten besiedelt. Oberhalb der Thermalquellen befand sich wahrscheinlich die alte Keltensiedlung Biliakom. Daraus soll sich später der Name Villach gebildet haben.

Als die Römer ins Land drängten, wurde das Straßennetzwerk stark ausgebaut. Ein Römerweg führt durch die Warmbader Landschaft. Seine Spuren sind heute noch im Fels gut erkennbar.

Bald nach Christi Geburt gründeten die Römer an der Drau die Brückensiedlung Santikum. Ein Römer soll angeblich die Thermalquelle von Warmbad Villach entdeckt haben - dies trug sich folgendermaßen zu:

Römische Soldaten gingen gerne im wildreichen Norikum, wie sie unser Land damals nannten, auf die Jagd. Bewaffnet mit Pfeil und Bogen, mit Lanzen und Schlingen jagten manche auch in den Wäldern der Villacher Alpe.

Der junge Römer Julius liebte es, im Wald herum zu pirschen, Fährten zu lesen, Pflanzen zu entdecken, Bäume zu erklimmen und Wildtiere zu beobachten. An einem frühen Nachmittag - es war ein leicht regnerischer Tag im siebten Monat - ging er mit Bogen und Pfeilen bewaffnet auf die Pirsch. Er durchstreifte zuerst den mit alten Grabhügeln übersäten Wald, wanderte achtsam und leise auf den Tscheltschnigkogel ober Warmbad hinauf und ließ schließlich am höchsten Punkt seinen Blick über die weite Landschaft schweifen. “Das ist ein Paradies!”, sprach der junge Römer leise. Als er sich ein sonniges Plätzchen unter einem Baum suchte, entdeckte er eine frische Hirschfährte. Ganz leise und langsam folgte er ihr. Es war windstill und Julius verstand es, sich bloßfüßig vollkommen geräuschlos fortzubewegen. Als er unterhalb einer Felswand eine Lichtung mit saftigem Gras und Kräutern erblickte, schlich er im Fuchsgang hin. Und wirklich - ein prächtiger Hirsch mit stolzem Geweih labte sich am Grünzeug. Er hatte noch nie ein solches Tier gesehen und wollte es erlegen. Er dachte an seine Kameraden und Vorgesetzten - sie alle könnte er zu einem Hirschbraten einladen.

Rasch spannte er den Bogen, zielte kurz und schoss einen Pfeil ab. Julius war bekannt als sehr guter Schütze. Er traf das Wild im Rücken. Der Hirsch blickte in Richtung Julius, röhrte kurz auf und verschwand verwundet im Dickicht des Waldes. Der Römer folgte ihm so schnell wie möglich nach. Die Spuren und Blutstropfen leiteten ihn. Immer wieder konnte er im dichten Wald den Hirschen erspähen. Es schien ihm so, als wartete er immer wieder auf ihn.

Stundenlang dauerte bereits die Verfolgung. Julius gab nicht auf. Die Spur führte ihn im dichten Wald einen Abhang hinunter. Es dämmerte bereits. Ein Specht flog vor ihm auf und landete auf einem riesigen Laubbaum am Rande einer kleinen Lichtung. Julius schlich heran. Er entdeckte unterhalb einer uralten Buche inmitten dichten Wurzelwerks eine sprudelnde Quelle. Knapp dahinter sammelte sich das Wasser in einem kleinen Teich. Darin wälzte sich der Hirsch, wohl um den Schmerz seiner Wunde zu lindern. Der Römer erkannte das verwundete Tier, war jedoch von dieser Begegnung so überrascht, dass er nicht nach der Waffe griff. Er verhielt sich ganz still, bis der edle Hirsch - offenbar geheilt - aus dem Wasser stieg. Das Tier blickte zu Julius, schüttelte sich kurz heftig und verschwand im Wald.

Weil es bereits dunkel wurde, ging der Römer nicht mehr nach Santikum hinab, sondern legte sich unter der alten Buche auf das weiche Moos. Gleich schlief er ein und hatte einen wunderbaren Traum: Eine Fee von strahlender Schönheit, eingehüllt in einen zartblauen Mantel, mit einer Lotosblume in den weißen Händen, trat an seine Seite. Ein süßer Blütenduft strömte von ihr aus. Mit einer engelhaften Stimme sprach sie: „Jäger, du hast den Born der Gesundheit entdeckt. Wer darin badet, heilt seine Wunden. Er fühlt seine Leiden schwinden und wird niemals alt. Zeige deinen Brüdern und Schwestern diesen Jungbrunnen, damit sie die Gabe der Götter nutzen können!“ Als der junge Römer am Morgen erwachte, wollte er gleich überprüfen, ob die Fee wahr gesprochen hatte. Er stieg also in das klare, warme Wasser. Bald spürte er ein unbeschreibliches Wohlgefühl, das ihm neu war. Julius tauchte wiederholt unter, damit der gesamte Körper vom Jungbrunnen-Wasser umspült war.   

Der erfrischte Mann eilte daraufhin in sein Lager und erzählte zuerst seinen Freunden von der kostbaren Entdeckung. In den darauf folgenden Tagen führte er sie in kleinen Gruppen zur Wunderquelle.

Julius und seine Freunde luden daraufhin vor allem Kranke und Verletzte zum Baden ein. Jeder Badende fühlte sich anschließend deutlich besser. Der Jungbrunnen wurde schnell zu einem beliebten Pilgerort.

Die Einheimischen und die Römer bauten gemeinsam ein Heilbad, das seitdem weiter und weiter ausgebaut wurde - bis heute.

(- nach einer alten Sage - aufgeschrieben von Matthias Maierbrugger)

Elisabeth hatte eine anstrengende Woche hinter sich - Arbeitsplatz, Haushalt, ihr Kind ... Obwohl sie alles gerne machte und ein zufriedenes Leben führte, freute sie sich schon auf die zwei Tage zu Pfingsten, die sie ganz allein für sich verbringen konnte. Also packte sie ihren Rucksack und fuhr zum Turiawald um zu wandern. Der Himmel war wolkenlos und eine sanfte Brise streichelte die alten Bäume des Waldes. Elisabeth ging einfach drauf los - ohne ausgewähltes Ziel. Sie folgte dem Wanderweg und blieb stehen, wenn sie etwas Besonderes entdeckte. Das war ziemlich oft der Fall - sie bewunderte Blüten, Felsen, Schmetterlinge, Singvögel, einmal sogar ein äsendes Reh.

Der Weg war nun ein Hohlweg, der sicherlich schon seit vielen hundert Jahren begangen war. Er führte in eine geheimnisvolle Landschaft mit vielen Sandstein-Felsen und uralten Bäumen. Hier schien der Wald von Menschenhand unberührt. Abgestorbene Baumstämme mit Flechten, Moosen und Pilzen in mehreren Farben lagen kreuz und quer auf dem Waldboden. Es roch typisch nach Wald. Einige blühende Holunderbäume zauberten eine süße Duftnote durch den manchmal hin und her schweifenden Windhauch hinein. Ein großer Greifvogel, ein stattlicher Bussard, kreiste über dem Waldstück und ließ nach jedem Kreis seinen Ruf erklingen - so, als würde er sagen: „Ich bin hier der König!“

Elisabeth genoss die Stimmung und die sinnlichen Eindrücke des Waldes. Nach einer Kurve rund um eine dreistämmige Buche zog sich der Weg ein wenig abwärts in noch felsigeres Gelände. Immer höhere wie mit Riesenhand geschliffene Felswände säumten den Weg. Schließlich schnitt der Weg eine riesengroße Felsfläche in zwei Teile. Elisabeth blieb stehen und bestaunte diese beeindruckende, zauberhafte Felsformation, die für sie wie ein Tor, ein Portal in eine andere Welt wirkte. Denn danach fiel der Weg in Kurven in einem langgezogenen, steilen und kurvigen Weg hinunter auf eine wiederum bewaldete Ebene, in deren Mitte eine große Lichtung mit einem See zu erkennen war. Der Bussard, der mittlerweile auf Grund seiner erreichten Höhe fast nicht mehr mit freiem Auge sichtbar war, stürzte laut rufend in einem Sturzflug in Richtung See hinunter. Dort flogen einige Enten und zwei Reiher aufgeregt auf. Das warnende Bellen eines Rehbockes war in der Ferne zu hören. Die junge Frau bat in Gedanken um die Erlaubnis, in diese Welt eintreten zu dürfen. Eine Wildtaube flog von der Buche hinter ihr auf und glitt ohne Flügelschlagen über dem Weg hinunter. Das war für Elisabeth das Zeichen, hinunter zu wandern. Mit jedem Schritt schien es ihr, als würde sie jeden Laut, jedes Geräusch klarer zu hören; es schein ihr, als würde sie alles zunehmend deutlicher und bewusster sehen, spüren und riechen. Sie hörte plötzlich ein sanftes Rauschen - eine Windbrise trug kühle und nach frischem Wasser duftende Luftschlieren an ihre Nase. Am Fuße des Hanges erkannte sie eine Quelle. Ein Hase trank gerade. Er hob immer wieder wachsam seinen Kopf, sah und witterte die Menschenfrau, blieb aber trotzdem ruhig und labte sich weiter. Als sich Elisabeth ganz langsam dem kühlen Nass näherte, hüpfte er mit einem mindestens vier Meter weiten Satz auf die andere Seite des Quellbächleins. Er schnupperte und trank noch ein paar Schlucke. Elisabeth kniete sich langsam nieder, wusch sich die Hände, Unterarme und das Gesicht. Dann trank auch sie das erfrischende Quellwasser - es schmeckte leicht süßlich, ganz köstlich.

Rund um die Quelle und das Bächlein wuchsen unzählige Pflanzen - vor allem Sumpfdotterblumen und Kresse. Als Elisabeth ein paar Kresseblätter sammelte und aß, nahm sie im linken Augenwinkel eine Bewegung am Boden, zwischen Steinen und Sumpfdotterblumen war. Es war eine Schlange - eine fast zwei Meter lange Ringelnatter - schlängelte sich entlang des Baches hinunter in Richtung eines Wald-Pfades, vorbei an einem rundem weißen Stein, in dem eine schlangenförmige Einkerbung war. Elisabeth hob ihn auf und spürte das Verlangen ihn mitzunehmen. „Du bist ein Geschenk des Waldes. Danke!“, sagte sie leise und packte ihn in den Rucksack. Sie ließ an seinem Platz einen Apfel als Geschenk zurück. Dann folgte sie dem Waldpfad.

Einigen behutsamen Schritten folgte immer ein Stehenbleiben, ein Innehalten und Wahrnehmen. Das Riechen, das Schmecken, das Hören, das Sehen, das Spüren - alles wurde immer intensiver und auch genussvoller. Sie fühlte sich immer mehr als Teil des Waldes. Der Pfad führte in Richtung Westen, zur Lichtung mit dem See.

Einige Geräusche der Seelandschaft waren schon zu hören: Schnatternde Enten, Flügelschläge auf der Wasseroberfläche, ab und zu Quaken, das Klappern eines großen Schnabels - vielleicht eines Storches. Elisabeth roch und spürte auf ihrer Haut die feuchter werdende Luft. Zwischen den Baumstämmen und Blätterwolken funkelten immer wieder vom Wasserspiegel reflektierte Strahlen in das Dunkel des dichten Waldes.

Sie bemerkte, dass die Sonne bereits tief im Westen stand. Die Stunden waren wie verflogen und der Abend nahe. „Macht nichts! Ich hab genug Bekleidung zum Übernachten hier. Das Wetter bleibt ganz sicher gut.“, murmelte Elisabeth. Plötzlich blendete sie die Sonne. Flapp, flapp, flapp ... - laute Flügelschläge, deren Windwirbel sogar zu spüren waren, erschreckten Elisabeth. Sie blickte auf - der Bussard war vor ihr von einem seltsamen Baum gestartet, der keine Äste hatte, nur einen ungefähr fünf Meter hohen Stamm, der mehrere Rundungen hatte. Er glich dem Körper einer dicklichen Frau, war in verschiedenen Brauntönen gefärbt und strahlte etwas Magisches aus. Die junge Frau betrachtete das Baumwesen von allen Seiten, ging drei Mal im Uhrzeigersinn herum und berührte schließlich zart mit den Fingern den Stamm. Sie erzitterte - pulsierende Wärme floss in ihren ganzen Körper. Sie schloss die Augen und umarmte langsam den Baum. „Venusbaum ist dein Name. Du fühlst dich wie die Mutter des Waldes an.“, flüsterte sie.

Inzwischen war die Sonne untergegangen. Die Vögel stimmten ihre Abendgesänge an. Elisabeth kniete vor dem Stamm als Dank nieder und drehte sich um, um ihren Weg zum See fortzusetzen. Doch - sie war nicht mehr alleine: Lächelnde Menschen - Männer, Frauen, Kinder - in blauen, violetten und gelben, weiten Kleidern und mit langen, wehenden Haaren, umkreisten den Baum. Dazwischen waren ein paar Waldtiere - zwei Hasen, eine Rehgeiß mit Kitz, zwei junge Füchse, eine Wölfin, eine Hirschkuh und ein Dachs. Sie wirkten alle unglaublich freundlich auf  Elisabeth, die gar nicht anders konnte, als in den Kreis einzutreten, um dem Reigen um den Baum beizuwohnen. Ihr war, als würden alle schweben - auch sie. Ein Summen in einer einfachen Melodie kam auf, gehüllt in ein Geräusch, das Blätterrauschen von Birkenbäumen glich. Als es aufhörte, bewegte sich die Gruppe den Pfad entlang in Richtung See. Unterwegs umkreisten sie mit einfachen Umrundungen und mit einigen gemurmelten Worten eine zweistämmige Buche, eine düster wirkende Eibe, eine Gruppe von Eschen und Erlen, eine kirchturmhohe Fichte, einen Haselstrauch mit unzähligen Stämmen, eine alte Birke mit schneeweißer Rinde und schließlich nahe dem Ufer einen Birnbaum mit weit ausladenden Ästen. Darin saßen Kinder, Vögel, Eichhörnchen und ganz oben der Bussard.

Auf der Wiese rund herum befanden sich weitere Tiere und die feierlich wirkenden Mitglieder einiger Waldfamilien. Als die Schlange über den See geschwommen kam und das Ufer nahe dem Birnbaum erreichte, standen alle auf und formten einen Kreis. Einige begannen zu singen, einige mit Flöten zu spielen. Dazu tanzten alle in fließenden Bewegungen - zuerst langsam, danach steigerte sich der Rhythmus immer mehr. Trommeln setzten ein. Schließlich war der Reigen ein wilder und besonders freudiger Tanz. Auch Elisabeth war Teil davon. Sie hatte vorher das Tanzen noch nie so genießen können; sie schien zu fliegen. Sie lachte laut auf. Andere taten es ihr nach. Tiere stimmten in das Konzert mit ihren Stimmen, Lauten und Rufen ein. Als die Dämmerung in Dunkelheit überging, klangen der Tanz und das Konzert aus. Der Kreis löste sich auf und alle setzten sich ins Gras - mit Blick zum See. Es herrschte eine Zeitlang absolute Ruhe. Der Mond stieg langsam am Horizont auf. Alle beobachteten ihn. Danach die Sterne und Sternbilder. Als der Mond am Bild der sieben Plejadensterne vorbeizog, standen alle Wesen auf und blickten auf das Spiegelbild im See. Die Oberfläche kräuselte sich und aus dem kreisrunden Mond-Spiegelbild tauchte eine Frau in weißem Kleid und Umhang auf. Danach noch eine, noch eine ...; schließlich kreisten über dem Wasserbild sieben Schwestern. Sie tauchten ihre Hände in das Mondbild und hoben einen ebenso geformten, leuchtenden Kristall aus dem Wasser und trugen ihn zu der Gruppe am Ufer. Die weißen Frauen legten ihn in der Mitte der Wiese ab und stellten sich herum auf. Alle Tiere und Waldmenschen stellten sich dazu und bildeten wieder einen Kreis. Zuerst bewegten sie sich sieben Mal um den leuchtenden Kristall herum; dann begannen die sieben Schwestern zu singen - siebenstimmig - eine immer wiederkehrende Melodie. Dazu tanzten sie elegant, über dem Boden schwebend. Alle stimmten ein.

Kurz vor dem Verschwinden des Mondes am Horizont hoben die sieben Schwestern den Kristall wieder auf und trugen ihn in den See. Sie verschwanden auch. Es wurde finster und Elisabeth nahm wahr, dass alle zurück in den Wald gingen - wortlos und leise. Elisabeth blieb, denn sie wurde auf einmal sehr, sehr müde. Bevor sie einschlief, merkte sie, dass sich ein Wesen neben sie gelegt hatte. Sie schlief tief. Als die Sonnenstrahlen sie weckten, öffnete sie die Augen und blickte um sich. Neben ihr war das Gras nieder gedrückt. Dort hatte jemand gelegen. Sie blickte zum Waldrand und erkannte die Wölfin, die noch einmal zurück schaute und anschließend lautlos im Wald verschwand. Elisabeth war nun alleine. Sie spürte tiefe Dankbarkeit für das, was sie erleben durfte. Sie spürte auch große Kraft in sich, musste aus Freude lächeln, lachen ... und weinen. Sie fühlte sich so glücklich wie nie zuvor.

In der Ferne, am Hügel, sah sie im Morgenlicht einen Bauernhof. Sie spazierte dorthin und kehrte in ihre Menschenwelt zurück - verändert und bereichert.

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Falkenfeder - Egelsee am Wolfsberg  

Wolfram war ein Junge im Alter von vierzehn Jahren. Er lebte in einer Zeit, als die Menschen auf Anhöhen ihre Siedlungen hatten. Er wohnte mit seiner Familie auf einem kleinen Hof in der heutigen Ortschaft Glanz - am Übergang von den Berghängen des damals heiligen Berges Mirnock zum viel niedrigeren Bergrücken des Wolfsberges. Sie hatten einen wunderbaren Blick ins Drautal und zum Millstätter See hinunter.

Wolframs Großvater war mit hohem Alter in der Nacht verstorben. Er wusste bereits vor drei Tagen, dass sein Ende nahte. Deshalb hatte er seine Familie um sich versammelt, um ihnen einige für ihn besonders wertvolle Geschichten aus seinem Leben zu erzählen, Anweisungen zu geben und vor allem um sie zu trösten. Er hatte keine Angst vor dem Sterben. Es gehörte für ihn zum Dasein dazu.

Die Menschen früher sahen das Sterben als Rückkehr in das Paradies - in den Leib der Mutter Erde. Die Seele trat durch einen dunklen See in diese Unterwelt, woher sie ursprünglich gekommen war, ein. Wenn die Seele wieder geborenwurde, erfolgte dies durch den Übergang zurück auf die Erdoberfläche mittels einer Quelle. Wolframs Großvater befahl daher das Verbrennen seines Körpers auf einem kleinen Hügel auf der Wiese nahe dem Hof. Das Abschiedsfest wünschte er sich am einige Kilometer westlich befindlichen Moorsee, der heute Egelsee genannt wird. Der Name dieses kleinen, dunklen Sees stammt nicht von den kleinen Wassertieren, den Egeln, sondern war aus dem keltischen Ausdruck „Agios“ gewachsen, der heilig bedeutete. Die Feste am Egelsee anlässlich von Todesfällen waren seit unzähligen Jahrhunderten Tradition und Ehre. Die feiernden Menschen begleiteten dabei die Seele der verstorbenen Person auf ihrem Weg ins Paradies.

Wolfram hatte von seinem Großvater am Vortag den Auftrag bekommen, die Verwandten und Freunde über das Ableben zu informieren und sie zum Fest einzuladen. Früh am Morgen, nachdem ihm seine Mutter als Jause Speckbrote bereitet hatte, brach er auf. Er ging von Hof zu Hof, von Siedlung zu Siedlung in Richtung Westen. Zur Mittagszeit erreichte er den Egelsee. Er ging als Akt der Wertschätzung des Ortes ein Mal rundherum. Dann setzte er sich an das Südufer und streckte seine Füße in das kühlende Nass. Frösche quakten am Ufer in verschiedenen Tönen. Grün und blauschimmernde Libellen schwirrten durch die Luft. Auf einmal spürte er leichtes Kitzeln auf seinen Unterschenkeln und Füßen. Kaulquappen nagten zart an der Haut. Wolfram musste schmunzeln. Es war für ihn ein prickelndes, eigentlich angenehmes Gefühl. Er genoss es, sie zu beobachten. Er liebte überhaupt Tiere aller Art - auch die ganz kleinen. Der Junge packte eines der zwei Brote aus und verzehrte es. Dabei ließ er seinen Blick über die Landschaft schweifen. Als er den Hügel am Westende des Sees sah, musste er an die oftmals erzählte Sage seines Großvaters denken - von der Burg, die heute als dicht verwachsene Ruine angeblich noch im Wald zu finden ist. Dort soll es Eingänge in den Berg geben. Einer führt zu einem Schatz, der allerdings von einem schaurigen Wesen bewacht wird. Nur wer Mut beweist, kann zu ihm vordringen und heil wieder zurückkehren. Auf einmal packte ihn die Neugier. „Eigentlich habe ich genug Zeit. Mal sehen, ob die Ruinen wirklich aufzufinden sind.“, sagte er leise. Ein paar Minuten später machte er sich auf den Weg. Er folgte einem Wildpfad den Hügel hinauf. Bald war das Dickicht fast undurchdringlich. Doch Wolfram kämpfte sich durch, bis er zu hohen Felsen kam. Er entdeckte darauf wirklich alte Mauerreste, die von einer Burg stammen mussten. Er wollte ganz hinauf. Oben angekommen, stieg er in den Ästen einer alten Buche hinauf, um einen Blick über das Tal zu haben. Er konnte das Glitzern der Wasseroberfläche des Millstätter Sees erkennen. Auf einmal hörte er ein lautes „Giu, giu ...“ - Ein Vogel startete in einem der Äste über ihm. Es war ein Falke, der mit schnellen Schlägen seiner Flügel davonflog. Eine Feder hatte sich beim Starten aus seinen Schwingen gelöst und glitt nun langsam in Richtung Boden. Wolfram beobachtete dies und beschloss, den Baum hinunterzusteigen, um die Feder zu suchen.

Er entdeckte sie etwas unterhalb der großen Buche - auf einem Himbeerstrauch am Fuße einer Felswand mit Mauerresten. Mit großer Mühe konnte er sich durch das dichte Gebüsch einen Weg dort hinunter bahnen. Er war ein paar Schritte von der Feder entfernt, als er noch einmal den Schrei des Falken hörte. Als er mit Zeigefinger und Daumen die Feder fassen konnte, gab der Boden unter seinen Füßen nach. Er stürzte in einen dunklen Schacht hinunter. Zu seinem Glück landete er ziemlich weich auf einem dicken Haufen von alten Blättern und Zweigen. Er war in eine kleine Höhle gefallen, an deren Ende ein Tunnel in den Berg hinein führte. „Das ist vielleicht der Zugang zum Schatz.“, dachte sich Wolfram.

Er packte seinen Feuerstein, sein Feuereisen, ein Stück Zunderschwamm sowie einen in Föhrenharz getränkten Kienspan aus seinem Reise-Beutel aus und legte seine Feder vorsichtig hinein. Er schlug Stein und Eisen ein paar Mal aneinander. Mit den entstandenen Funken entflammte er den Schwamm, dann trockenes Gras und schließlich damit den Kienspan. Mutig trat der Jüngling in den dunklen Gang ein. Es war schon unheimlich. Doch Wolfram war vor lauter Tatendrang aufgeregt und vor allem entschlossen. Der Tunnel führte in die Tiefe. Eine in den Fels gehauene Treppe erleichterte das Steigen auf dem feuchtnassen Boden. Schließlich mündete der Tunnel in eine runde, große Höhle. Wasser tropfte in großen Mengen von der Höhlendecke. „Dort oben ist wohl der Egelsee.“, dachte sich Wolfram. Die Tropfen bildeten am Boden einen Bach, der an dem Tunnel gegenüber liegenden Ende in einem leisen Rauschen in die Tiefe stürzte. Er schritt vorsichtig dorthin und blickte hinunter. Ein gähnender, dunkler Schlund mit kühlem Atem tat sich vor ihm auf.

„Dies ist der Zugang in die Unterwelt, den die Seelen der Toten wählen. Deine Zeit dafür ist noch nicht gekommen - Gevatter Tod hat dich noch nicht berührt. Deine Reise führt dich zu deiner Kraft.“,  hörte er eine streng klingende Stimme im Hintergrund. Der Junge drehte sich um und sah am Rande der Höhle einen kleinen Mann mit langem Bart, eingehüllt in einen braunen Umhang, der mit rot glänzenden Karfunkelsteinen übersät war. Er stand neben einer silbernen Tür und hielt einen großen, golden glänzenden Schlüssel in seiner Hand. „Dies ist dein Schlüssel. Er führt dich zu deinem Schatz - zu deiner Kraft. Hole ihn dir, wenn du den Mut dafür hast.“, fuhr der Wächter der Unterwelt fort. Als er fertig gesprochen hatte, veränderte sich sein Körper: er wurde immer größer, aus den Händen wurden Tatzen, ein Fell wuchs, der Kopf wurde immer länger; ein Maul mit riesigen Zähnen und tellergroße, rot-leuchtende  Augen erschienen. Ein großer Wolf stand anstatt des kleinen Mannes neben der silbernen Tür. Er blickte den Jungen unentwegt an und knurrte schaurig. Den Schlüssel trug er in seinem zähnefletschenden Maul, mit dem er einen Menschen als Ganzes verschlingen könnte. Nach einem ersten kurzen Entsetzen über dieses schreckliche Wesen, fasste Wolfram gleich wieder seine Fassung und einen halbwegs klaren Kopf. „Er kann mir nichts tun.“, sagte er sich immer wieder leise. Er war entschlossen, den Schlüssel zu erlangen und durch die silberne Türe einzutreten. Aber wie konnte er ihn dem Wolf abnehmen. Da erinnerte er sich an eine der alten Sagen seines Großvaters, in der ein gruseliger Hund als Schatzhüter vorkam. Der Held der Sage konnte ihn mit einem Geschenk besänftigen. Wolfram griff in seine Tasche und holte sein zweites Speckbrot hervor. Langsam, ganz langsam näherte er sich dem Wolf. Mit jedem Schritt wurde das Knurren lauter. Als er in der Mitte der runden Höhle war, legte der Jüngling das Brot auf den Boden und hockte sich ein paar Schritte daneben hin. Der Wolf schaute vom Jungen zum Brot, schnupperte und legte den Schlüssel vor sich hin. Er heulte kurz ohrenbetäubend auf und spazierte zum Brot. Er fraß es gierig auf und legte sich hin. Wolfram wusste nun, dass er ihn besänftigt hatte. Also holte er sich den Schlüssel und sperrte die silberne Tür auf. Er trat in einen dunklen, leeren Raum. An der Wand glitzerte etwas Metallisches. Wolfram trat näher und erkannte einen großen Spiegel, in dem er sich spiegelte. Je näher er kam umso heller wurde sein Spiegelbild. Er sah sich selbst - einen Jüngling. Er blickte sich in seine Augen. Langsam verwandelte sich das Bild – nur die Augen blieben gleich. Er sah sich nun als Erwachsener. Daraufhin wechselte das Bild wieder: Wolfram sah sich in seinem Spiegelbild immer älter werden. Er erblickte sich als Ritter, als Familienvater und schließlich als Greis mit einem großen Buch unter seinem Arm. In seiner linken Hand hielt er eine Feder - es war die Falkenfeder, die er vor kurzem gefunden hatte. Das Bild verschwamm und verschwand. Der Spiegel zeigte nun die Umrisse eines Vogels - es war ein Falke. Wolfram nahm seine Feder und berührte damit das Spiegelbild. Die Feder versank darin. Gleich darauf bewegte er sich in den Spiegel hinein. Der junge Mann wurde aufgehoben und fühlte sich plötzlich ganz leicht - wie ein Vogel. Er war nun der Falke. Mit kräftigen Flügelschlägen flog er einen Tunnel ins Licht hinaus und fand sich über der Landschaft des  Egelsees und gleich darauf hoch oberhalb des Millstätter Sees wieder. Was für ein Anblick! Er glitt durch die Lüfte, ließ sich von warmen Luftströmen in die Höhe tragen, zog seine Flügel an und fiel in einen atemberaubend schnellen Sturzflug - immer schneller und schneller! Er musste es tun ... Dann ein Blitzschlag. - Stille.

Ein Rauschen in den Ohren, Zittern am ganzen Körper. Wolfram öffnete seine Augen. Er lag am Ufer des Egelsees. Mit Schmerzen in den Gliedern richtete er sich auf und ließ seinen Blick über den See und über den Hügel schweifen. Als er auf die Wasseroberfläche vor sich blickte, erkannte er das Gesicht des alten, kleinen Mannes. Er lächelte. Wolfram verneigte sich aus Dankbarkeit vor ihm. Das Bild löste sich auf. Der Jüngling war nun zum jungen Mann gereift. Er hielt seine Falkenfeder in der Hand und setzte seinen Weg, seine Aufgabe fort.

Wolfram vom Wolfsberg wurde er in den darauf folgenden Jahren respektvoll genannt. Als erzählender Ritter wanderte er durch die Landschaften zu den Siedlungen und Städten, um von den alten Zeiten und Werten zu erzählen. Angeblich soll er noch heute unter den Menschen weilen und diese Aufgabe erfüllen. Man erkennt ihn wohl an einer alten Falkenfeder.

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Frühlingsfest - Penken am Turiawald